Reisen mit Abstand: hier geht's - Teil 1

Reisen mit Abstand: hier geht's - Teil 1

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Eins ist schon mal klar: an Ost- und Nordsee wird es in diesem Sommer pickepackevoll. Und wer sich nach Ruhe und Abgeschiedenheit in den Bergen sehnt, der muss schon richtig weit hinauf. Es wird also eng in Deutschlands beliebtesten Urlaubsregionen. Okay, aber was gibt es für Alternativen für Reisen mit Abstand?


Irgendwie lag es da nahe, sich mit Gastgebern und Ortskundigen zu unterhalten, um zu erfahren, was die Gegend, in der sie leben, eigentlich so besonders macht. Was soll ich sagen? So richtig auf den Putz gehauen hat da jetzt keiner. Was ich damit meine: die touristische Werbetrommel blieb - glücklicherweise - im Sack. Vielmehr waren es die leisen Töne, die einen unverfälschten und offenen Blick in unterschiedliche Gebiete erlaubt haben. Und die Antworten haben wenig mit dem zu tun, was man für gewöhnlich in herkömmlichen Reiseführern findet. Sogar ein paar Geheimtipps gab's dann als Sahnehäubchen noch obendrauf.

REISEN MIT ABSTAND - TEIL 1: URLAUB IM HARZ

Den Anfang für Reisen mit Abstand macht der Harz: er liegt im Mittelgebirge und ist das höchste Gebirge Norddeutschlands. Der Harz verteilt sich über die drei Bundesländer Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und besteht aus den Regionen Süd-, Nord-, Ost- und Oberharz. Zum Oberharz zählt landläufig das Gebiet, welches im Bundesland Niedersachsen westlich des berühmten Brockens liegt - der mit 1.141 m höchste Berg im Norden. Der Brocken selbst gehört zu Sachsen-Anhalt und .... halt! Irgendwie ist das alles ganz schön kompliziert. Und bevor ich mich hier noch verzettele, lasse ich mal besser die Experten zu Wort kommen. Und mir erzählen, warum Urlaub im Harz eine schicke Alternative ist.


Meine beiden Gesprächspartner hat es vor vielen Jahren - mal aus privaten, mal aus beruflichen Gründen - in den Harz verschlagen.


LOANA KAULEN und Malte Niesner haben im Oberharz mit behutsamer Hand vier wunderhübsche Ferienhäuser restauriert - eines davon ist das <BERGQUARTIER> - und 2014 mit der Vermietung ihrer Hideaways begonnen, die in ihrer Architekur ein wenig an Bullerbü erinnern.


ANDRÉ NIEDOSTADEK ist Professor für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Hochschule Harz und schon seit über 11 Jahren im Harz. Er ist der Autor des Reisebegleiters <GLÜCKSORTE IM HARZ - FAHR HIN & WERD GLÜCKLICH>.

UND WARUM JETZT DER HARZ?

HIERSEIN: Loana, Du kommst ursprünglich aus dem Rheinland. Was macht den Harz für Dich so lebenswert?


LOANA: Gerade in der heutigen Zeit, in der sich noch mehr in den Bereich Online-Business verschiebt, ermöglicht der Harz ein tolles Lebensmodell, seinen Lebensmittelpunkt in die Natur zu verlagern. Die Harzer haben ein stoffliges Image. Sie sind einfach, bodenständig, ehrlich und geben nicht vor, jemand anderes zu sein. Mir fällt es daher besonders leicht, ich selbst zu sein und zu mir zu finden. Von außen kommt viel weniger Ablenkung. Der Harz ist an den meisten Stellen so herrlich aus der Zeit gefallen und nicht „trendy“ bzw. in der Zeit stehen geblieben, weil vielerorts noch nicht die Großinvestoren das Bild prägen. Gerade das macht es hier so lebenswert, weil man nicht das Gefühl hat, hier wird etwas - nur für Touristen - künstlich hochgezogen. Der Tourismus ist also an den meisten Stellen dezent eingewoben, so dass sich die Menschen, die hier leben, nicht fehl am Platz fühlen. Gleichzeitig haben die Menschen, die hier Urlaub machen aber nicht das Gefühl „Touristen“ zu sein. Mittlerweile hat auch der Harz touristisch nachgezogen, wie z.B. mit dem Baumwipfel-Pfad in Bad Harzburg und einigen neuen Hotelanlagen. Aber man findet hier immer noch Einkehr und Ursprünglichkeit. Ein schönes Beispiel sind die alten Schriftzüge über den Geschäften - die sind einfach original Retro! Ich mag die Ruhe und die gute Luft. Kleine Begegnungen bekommen mehr Raum, weil man hier weniger Menschen trifft. Dadurch hat man mehr Zeit, die Menschen wirklich kennenzulernen. Auch merkt man hier viel deutlicher, dass man ein Teil der Natur ist. Beim Anblick des Sternenhimmels oder wenn man mal auf all die nächtlichen Geräusche achtet und dabei ein Fuchsbellen oder ein Käuzchen hört oder - eben nur Stille. Das ist pure Entschleunigung.


HIERSEIN: André, Hand aufs Herz! Hättest Du jemals den Harz besucht, wenn es Dich nicht beruflich hierhin verschlagen hätte?


ANDRÉ: Ja, vermutlich schon. Ich bin ja viel mit dem Motorrad unterwegs. Und da gibt es mehr zu entdecken, als immer nur das Sauerland oder die Eifel. Bin vor einiger Zeit beispielsweise sehr überrascht gewesen von der Holsteinischen Schweiz. Oder vom Weserbergland. Auch den Harz habe ich im Grunde erst richtig bei verschiedenen Touren entdeckt. Dass ich direkt vor Ort arbeite, hat natürlich vieles erleichtert.  

URLAUB IM HARZ - FÜR WEN?

HIERSEIN: Loana, was glaubst Du? Welche Art von Urlauber fühlt sich im Harz wohl?


LOANA: Neben Aktivurlaubern - also Wanderer, Mountainbiker, Wasser- und Wintersportler, Kletterer und Gäste mit Hund - nehmen wir gerade eine neue Tendenz wahr: Es sind Alleinreisende, die zu sich kommen möchten, junge Leute aus der Stadt, die bewusster reisen und auf lange Autofahrten verzichten wollen. Viele von ihnen kennen das alte Image vom Harz - verstaubt, nicht wirklich „place to be“ - gar nicht mehr und es kommt ein neuer Entdeckergeist auf. Oft sind sie mit ihren Kameras unterwegs und haben Spaß an der Fotografie. Den 'gemachten' Tourismus empfinden sie als unecht, denn er hat nichts zu tun mit Freiheit und Abenteuer. Es kommen auch immer mehr Menschen hierher, die einen Blick oder eine Sehnsucht haben für das kleine Glück, das man nicht unbedingt in der Fußgängerzone findet, sondern eher beim Waldbaden. Menschen, die mit ihren Kindern einfach und unbeschwert die Natur entdecken wollen und lieber ins (kostenlose!) Waldschwimmbad gehen statt in einen Freizeitpark. Bekanntermaßen hat der Harz ja viele Facetten, die wir zum großen Teil selbst noch gar nicht kennen, sei es kulturell, Städte wie Goslar oder Regionen wie den Ostharz. Der Oberharz ist kulturell vom Bergbau geprägt, landschaftlich durch das Oberharzer Wasserregal. Das ist ein im 16. bis 19. Jahrhundert geschaffenes System zur Umleitung und Speicherung von Wasser, das die Wasserräder in den Bergwerken antrieb. Es geht vielleicht gar nicht so sehr um konkrete Ausflugsziele, sondern um ein bestimmtes Lebensgefühl, das man hier finden kann, wenn man dafür einen offenen Blick hat.


HIERSEIN: André, was sagst Du? Welche Urlaubstypen sind hier im Harz besonders gut aufgehoben?


ANDRÉ: Da war ich selbst überrascht. Anfangs hatte ich ein bisschen das Vorurteil, der Harz sei ein wenig altbacken. Manchmal scheint die Zeit auch tatsächlich stehen geblieben zu sein. Dennoch durfte ich mich von meinem Vorurteil schnell verabschieden. Auf jeden Fall ist der Harz natürlich etwas für Wanderer. Daran denkt man wahrscheinlich auch zuerst. Auf ihre Kosten kommen aber auch Sportfreaks, Kulturbeflissene, Gourmetfreunde und Leute mit anderen Interessen. Der Harz ist richtig vielfältig. Ich bin jetzt sein über elf Jahren dort tätig und es gibt noch so viel zu entdecken.
 

ZUM ERSTEN MAL IM HARZ! WAS TUN?

HIERSEIN: Loana, was empfehlt Ihr Euren Gästen, die zum ersten Mal im Harz Urlaub machen?


LOANA: Sie sollten sich auf keinen Fall zu viel auf einmal vornehmen. Weniger ist da oft mehr, vor allem wenn man in einer großen Gruppe unterwegs ist. Wir empfehlen gerne den Besuch von kleinen, inhabergeführten Geschäften und legen unseren Gästen die im Harz immer mehr an Bedeutung gewinnende Slow-Food-Gastronomie ans Herz.


HIERSEIN: André, gibt es klassische Fehler, die man machen kann, wenn man zum ersten Mal im Harz Urlaub macht?


ANDRÉ: Der klassische Fehler ist - ob im Harz oder anderswo - mit bestimmten Erwartungen unterwegs zu sein. Ich habe vor einiger Zeit eine Motorradtour von Canterbury nach Rom unternommen und hatte dabei das Buch "Kunst des Reisens" von Alain de Botton dabei. Wenn ich mich richtig erinnere heißt es da an einer Stelle, dass unsere Erwartungen von einem Reiseziel nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmen und wir dann manchmal enttäuscht sind. Das kann natürlich überall passieren. Ich glaube, es ist immer ein Fehler, den Erwartungen so viel Priorität einzuräumen. Wenn man sich nicht ganz unvorbereitet in ein x-beliebiges Abenteuer stürzen möchte, dann lohnt es natürlich, sich im Vorfeld ein bisschen schlau zu machen. Genau das möchte übrigens auch das Buch "Glücksorte im Harz". Einfach kreuz und quer mal auf ein paar besondere Orte hinweisen - gerade auch abseits klassischer Sehenswürdigkeiten. Um eben nicht in die Falle zu tappen, sondern die Magie des Reisens zu erleben. Und die liegt für mich in erster Linie darin, sich immer wieder einlassen zu können. Dann kann man auch keine klassischen Fehler machen. 
 

KANN DER HARZ AUCH KULINARISCH?

HIERSEIN: Loana, gibt es eine regionale Spezialität, die du jedem Harz-Besucher besonders empfehlen würdest?


LOANA: Die Bachforellen aus unserem kristallklarem Wasser hier im Harz.


HIERSEIN: André, welche regionale Spezialität sollte jeder Harz-Besucher wenigstens einmal probieren?


ANDRÉ: Dafür sind die Geschmäcker wohl zu unterschiedlich. Den Harz teilen sich ja drei Bundesländer. Da fällt die regionale Küche mitunter sehr unterschiedlich aus. Ich finde es auch schwierig von einer Harzer Küche zu sprechen. Bekannt sind natürlich vor allem Wild- und Fischgerichte. Auch hier gilt die Empfehlung: Einfach mal drauf einlassen und zum Entdecker werden. Oder sich zu einem Picknick aufzumachen. Das geht überall. Beispielsweise auch beim Königshütter Wasserfall. Ein Hauch von Hawaii im Harz. Ich persönlich finde im Übrigen nach einer Tour ein Bier ganz gut. Das Gose Bier beispielsweise. Ist vor allem in Leipzig bekannt, kommt aber aus dem Harz - um genauer zu sein aus Goslar.

LIEBLINGSPLÄTZE IM HARZ

 
HIERSEIN: Loana, würdest Du uns deinen Lieblingsplatz im Harz verraten?


LOANA: Da gibt es einige, wie ich finde, sehr besondere Orte. Beispiele wären: das Waldschwimmbad in Altenau, der Robinson Crusoe Spielplatz in Clausthal, die verborgenen Pfade auf dem Oberharzer Wasserregal, die Wolfswarte Altenau und "Klein Kanada“ in Buntenbock.


HIERSEIN: Sage und schreibe 80 Glücksorte im Harz stellst Du in Deinem Buch vor, André! Kannst Du uns die Top 3 Deiner persönlichen Glücksorte nennen?


ANDRÉ: Oh, die Top 3? Die gibt es nicht. Klar, manche Orte ziehen einen vielleicht etwas mehr in den Bann, als andere. Es kommt aber auch immer ein bisschen auf die Stimmung an. Oder auf die Zeit. Im Hochsommer finde ich persönlich den Naturmythenpfad bei Braunlage nicht ganz so spannend, wie im Herbst, wenn es vielleicht sogar ein bisschen nebelig ist. Dann ist das der Kracher. Wenn man so ein Wetter mag. Dafür kann man im Hochsommer auf dem Wendefurther Stausee mit dem Boot unterwegs sein und herrlich die Seele baumeln lassen. Vielleicht ist genau das auch das Besondere an Glücksorten: Sie lassen sich immer wieder neu entdecken. Wenn man sich darauf einlässt, was ja auch ein bisschen die Kunst ist: Vermeintlich Bekanntes mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Und dabei vielleicht Überraschendes kennenzulernen. Das ist mir bei den Höhlenwohnungen in Langenstein beispielsweise so ergangen. Fast hätten die es gar nicht in das Buch geschafft. Bis ich das Glück hatte, den Ort mal mit anderen Augen zu sehen.


HIERSEIN sagt Danke an Loana und André für die beiden Gespräche, die getrennt voneinander stattfanden.

MEIN FAZIT

Ich gebe zu: auch ich dachte bisher, dass es hauptsächlich Wanderfreunde aus dem Norden in den Harz zieht, die die lange Anreise in den Süden scheuen. Und bestellt man hier in leicht arroganter Großstadtmanier einen Cappuccino, dann bekommt man im Harz eben Filterkaffee mit Sprühsahne. Ist natürlich Humbug. Wobei ich ein großer Freund von Filterkaffee bin - allerdings ohne Sahne. Was habe ich nun stattdessen erfahren?


Der Harz ist dabei, sein verstaubtes Image abzustreifen. Und das, ohne die eigene Identität zu verlieren. Es lohnt sich den Harz in kleinen Schritten kennenzulernen und behutsam auf Entdeckungstour zu gehen. Und lässt man sich darauf ein, dann trifft man auf kleine und große Überraschungen. Wohltuende Ruhe und weitläufige Ursprünglichkeit. Tiefe Stille und unverfälschte Natur. Alles drin im Paket Harz. Sollte es euch also in diesem Sommer an den norddeutschen Küsten oder in den bayerischen Alpen zu voll werden, dann versucht's einfach mal. Den Blick öffnen und die persönlichen Glücksorte aufspüren. Vielleicht stoßt ihr beim Reisen mit Abstand dabei auch auf Klein-Kanada oder erlebt einen Hauch von Hawaii. Möglich isses - liegt ganz an euch...




OFFENLEGUNG: Beide Interviewpartner habe ich persönlich ausgewählt. Es handelt sich NICHT um bezahlte Kooperationen. Der oben stehende Text enthält KEINE Affiliate Links.

Bild: © Loana Kaulen