Die Berggondel im Wald

Die Berggondel im Wald

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Ich spüre den kühlen Hauch der Nacht auf meiner Nase und bin doch überrascht, wie gut der Schlafsack den Rest meines Körpers wärmt. Es ist lange her, dass ich in einem Schlafsack übernachtet habe. Damals wälzte ich mich schlaflos auf einer daumendicken Isomatte, rechteckig, die rot-weiß gestreifte Schlafhülle aus einem schwedischen Möbelhaus. Wärmetechnisch vollkommen ausreichend für den spätsommerlichen Rucksackurlaub in Griechenland. Aber es ist Anfang Mai - meine Nase hat mittlerweile Tiefkühltruhentemperatur erreicht - und ich liege zwischen hohen Fichten am Ufer eines Sees im Hochschwarzwald.

Neugierig auf ein kleines Abenteuer

Dabei sah es am Nachmittag tags zuvor noch vielversprechend aus. Obwohl eimerweise Regen vorhergesagt war, schlüpfte die Sonne rechtzeitig durch die Wolken. Unterwegs auf einer Recherchereise im Südwesten Deutschlands besuche ich Gastgeber nachhaltiger Unterkünfte, die schon auf »hiersein« vertreten sind und solche, die gerne dazustoßen möchten. Einem Impuls folgend, den man auch kindlich-naive Neugierde auf ein kleines Abenteuer nennen könnte, habe ich auf meiner Route einen Stopp in einer ungewöhnlichen Bleibe am Schluchsee eingebaut.

Die Berggondel im Wald

Das Schwarzwaldcamp am Schluchsee

Angekommen im Schwarzwaldcamp empfängt mich Weltenbummlerin Lisa, sie führt mich durch das Wäldchen am Ostufer des Schluchsees und ist selbst sichtlich begeistert ob der mannigfaltigen Unterkunftsmöglichkeiten vom Baumzelt bis zum Riesen-Tippi. Mein Schlafquartier heißt Gisela. Wie die gute Seele des Camps steht die kleine kompakte Kugel ostentativ auf einem Holzpodest mitten im Wald. Camp-Betreiber Raphael Kuner hat die ausgemusterte französische Berggondel nach seiner Schwiegermutter benannt: klein, kompakt und obwohl nicht ganz so rund, doch von gastlicher Statur und eine lebensfrohe Person, bei der alle Fäden zusammenliefen. Als Lisa und ich vorbeigehen präsentiert sich Gisela einladend im Scheinwerferlicht der letzten Sonnenstrahlen des Tages.

Die Berggondel im Wald

Lagerfeuermachen und Sternegucken

Es ist ein Wochentag kurz nach Saisoneröffnung. In Richtung See, wo der Wald immer lichter wird, baut ein Pärchen auf dem »Rösle« - so hieß Raphaels Großmutter - gerade sein mitgebrachtes Zelt auf. Jeder Handgriff sitzt. Bei der Erinnerung an meine Inselhopping-Tour durch die griechische Ägäis und unserem Discounter-Zelt-Monster (I know!) stehen mir heute noch die Schweißperlen auf der Stirn. Eines steht fest: die beiden machen das nicht zum ersten Mal. Das Camp von Schwarzwälder Raphael ist ein uriger Wohlfühlort für Lagerfeuerromantiker und Sternegucker. Neben den außergewöhnlichen Übernachtungsformen gibt es schnuckelig, versteckte Zeltplätze, Bulli-Stellflächen und Feuerstellen zum Warmwerden, Stockbrotgrillen und Gitarrenakkorde-Anstimmen.

Die Berggondel im Wald

Kein Campingplatz wie jeder anderer

Eine Handvoll Menschen. Sehr viel mehr werden es nicht in dieser Nacht im Camp. Tief im Dickicht erblicke ich ein kleines Zelt, der abgeschirmte Platz wohl bewusst gewählt. Das deutsch-englische Ehepaar mit seinem nigelnagelneuen Bulli unterwegs auf dem Rückweg nach Großbritannien werde ich erst am nächsten Morgen kennenlernen. Nachdem die Sonne verschwunden ist, wird es echt frisch hier im Wald. Nur noch schnell auf dem benachbarten Campingplatz die Zähne putzen, die sanitären Einrichtungen werden von beiden gleichermaßen genutzt. Erstaunt, wie auf so kurzer Strecke alle gängigen Klischees des klassischen Campingplatz-Aufenthalts bedient werden, husche ich lieber rasch zurück zu Gisela und mache mich bereit zum Schlafengehen.

Die Berggondel im Wald

Gisela - eine französische Berggondel

Die Kälte zieht in die Gondel, fast klappern mir die Zähne. Ich hätte es ahnen müssen. Bei meiner Hinfahrt lag immer noch Schnee auf dem Gipfel des Feldbergs. Natürlich muss ich ausgerechnet jetzt aufs Klo. Bei dem verzweifelten Versuch so wenig Lärm wie möglich zu machen, ziehe ich die schwere Gondeltür auf und stapfe hinaus ins mondlose Dunkel. Kein einziger Stern am Himmel, die Luft kühl und feucht von den Bäumen und dem See. Mit großem Respekt vor Baumwurzeln und anderen potenziellen Fallen tapse ich vorsichtig den ausgetretenen Pfad entlang. Wie gut, dass meine Stirnlampe tief im Gepäck vergraben liegt. Doch es sind nur wenige Schritte bis zur Komposttoilette. Voilá, nur noch ein Schäufelchen Streu, so wird jede Spur möglicher Geruchsbildung schon im Ansatz erstickt.

Die eigenen Geräusche der Nacht

Zurück in der Gondel kämpfe ich beim Zuziehen wieder mit der Wagontüre. Ich kapituliere und versuche, mir besser nicht auszumalen, wie mitten in der Nacht eine Hand den fünf Zentimeter großen Spalt in der Tür aufziehen könnte. Und doch durchfährt mich ein Schauer als ich fröstelnd in meinen Schlafsack hineinkrabble. Ich ziehe mir die Wollmütze über die Augen und lausche den eigenen Geräuschen der Nacht. Es knistert und knackst, trippelt und trällert. Was bin ich froh um das schützende Metallgehäuse meiner Berggondel. Spalt hin oder her. Als ich um drei Uhr in der Früh wach werde, sind es nicht Unheil versprechende Laute, sondern mein Rücken, der mir zu schaffen macht. Na, toll! Jetzt ist mir zwar endlich warm, aber die richtige Liegeposition stellt sich partout nicht mehr ein.

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Vom Baumzelt zum Riesen-Tippi

Vollbracht! Mit einer heißen Tasse Kaffee sitze ich morgens um sieben gemütlich auf dem Holzklappstuhl vor meiner Gondel und bin ziemlich stolz. Habe tatsächlich (fast!) ganz allein in einem Wald übernachtet - und jetzt sogar Lunte gerochen. Bei nächster Gelegenheit hätte ich gute Lust, das Baumzelt auszuprobieren. Dreht man sich um, wippt es wie in einem Wasserbett, schwärmte Lisa am Vortag. Klingt verlockend und vor allem rückenfreundlich. Aber es kommt noch besser: in warmen Sommernächten kann man sogar das Dach entfernen und genießt einen freien Blick in den Sternenhimmel.

Die Berggondel im Wald

Von Regionalität, Weltoffenheit und Umweltbewusstheit

Die Baumzelte hängen hier seit sechs Jahren, das Schwarzwaldcamp selbst öffnete bereits 2009. Raphael ist ein alter Hase, der sich während des Studiums der Ethnologie und Islamwissenschaften zunächst mit Abenteuer- und Trekkingreisen selbstständig machte. Seine eigentliche Liebe aber gehört seit einem Vierteljahrhundert dem Wassersport. Auf dem Schluchsee bietet Raphael SUP-Kurse für Einsteiger an, gibt Unterricht im Kanu-, Kayak- und Segel-Kutterfahren. Mit seinem Schwarzwaldcamp setzt der entspannte Gastgeber ein sehr persönliches Statement für Regionalität, Weltoffenheit und Umweltbewusstheit. Nachhaltig sei das Camp in dem Sinne nicht, weiß Raphael. Doch mit der Umsetzung von Ideen wie einem Kompost-WC, den Totholzecken, einem geplanten Hochbeet und dem bewussten Verzicht von elektrischem Licht soll ein echter Lebensraum für Wald-Camper entstehen.

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Geschichten von Menschen und Abenteuern

Linus, Lena, Maryam, Franz, Hans, Jacob - jeder Stellplatz-Name hat seine Geschichte. Mal lustig, manchmal ernsthaft, oft berührend. Die Gisela habe ich ins Herz geschlossen, der steife Rücken längst vergessen. Der Fairness halber sei gesagt, dass auch im Schwarzwaldcamp mitunter die Straße, die um den Schluchsee führt, zu hören ist. So ganz mitten in der Wildnis ist man schließlich auch hier nicht. Doch wer Lust hat auf Lachen, Leben und Lagerfeuerromantik - abseits von Camping-Wagenburgen - erlebt am Ufer des Schluchsees sicherlich sein ganz persönliches Abenteuer. Und wenn es nur der zehn Zentimeter große Spalt einer französischen Berggondel oder die ganz eigenen Geräusche einer Nacht im Wald sind.

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Links & Tipps




OFFENLEGUNG: Das Schwarzwaldcamp hat mich zu dieser Übernachtung unentgeltlich eingeladen. Die Inhalt entspricht zu 100% meiner persönlichen Meinung. Der Blogartikel enthält durch die Verlinkung natürlich Werbung, doch keine Affiliate Links.

Fotos: hiersein