Verwalterinnenhaus, Werben, Altmark, Sachsen-Anhalt

Verwalterinnenhaus

Schon die Anreise gibt einen Vorgeschmack darauf, wie schnell man hier Entschleunigung findet. An zwei Stahlseilen befestigt gleitet die Gierseilfähre bedächtig über die Elbe, sie nutzt die Kraft der Strömung. Eine nostalgische Art der Fortbewegung, bei der es kaum wundert, dass selbst Pferde mit an Bord dürfen. Zeit auf dem Wasser, um der Weite des Himmels nachzuspüren und Fischadler dabei zu beobachten, wie sie über die einzigartigen Elbauen im UNESCO-Biosphärenreservat »Flusslandschaft Elbe« kreisen. Wer von Berlin kommt, setzt südlich von Havelberg über den Fluss nach Werben. Die kleine Hansestadt mit rund 550 Einwohner:innen liegt in der Altmark, einer der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Vieles wirkt hier wie aus der Zeit gefallen: Fachwerkhäuschen, kopfsteingepflasterte Gassen, eine imposante Backsteinkirche und marode, leerstehende Biedermeierbauten, die nach und nach auf umsichtige Retter:innen treffen.

Eines dieser Anwesen ist die Komturei auf dem Gelände der Johanniskirche. Einst Sitz des Johanniterordens, später preußisches Gut und zu DDR-Zeiten im Besitz der LPG, verfiel das Ensemble nach der Wende zusehends. Bis der Berliner Architekt Jurek Brüggen auf einer Fahrradtour entlang des Elbradwegs hier hängenblieb – an dem bezaubernden Städtchen, der ursprünglichen Auenlandschaft und der ruinösen Anlage. Wo andere keine Perspektive mehr sehen, schlägt Jureks Herz oft ein wenig höher. Begeistert von der fast 1000-jährigen Geschichte der Komturei und den offensichtlichen Spuren der Zeit versammelte er ein Team gleichgesinnter Architekt:innen, um ein ökologisch und sozial nachhaltiges Konzept zu entwerfen: betreutes Alterswohnen, festes Wohnen, Wohnen & Arbeiten - und Raum für Erholung! Mit dieser Vision überzeugte die Architekturgruppe auch den Bürgermeister, einen einstigen Ankerpunkt Werbens behutsam neu zu beleben.

Nach zwei Jahren Umbauphase eröffnete im Sommer 2025 das »Verwalterinnenhaus« als erstes von vier ökologisch sanierten Gebäuden auf dem ehemaligen Hof des Johanniterordens. Das denkmalgeschützte Backsteinhaus von 1890 beherbergt sechs großzügige Ferienwohnungen, gestaltet mit natürlichen Materialien, warm, ruhig und zurückhaltend. Eigens entworfene Möbel, schlicht-schöne Formen, nichts zu viel, doch reichlich Raum für Ideen. Atmosphärische Bilder einer lokal ansässigen Fotografin schmücken die Wände und machen Lust, in die wunderbar entrückte Landschaft der Umgebung einzutauchen. Im historischen Gewölbekeller finden Gäste eine Sauna, im Garten stille Ecken, um endlich all die Bücher zu lesen, die schon so lange auf dem Nachttisch liegen. Wenn sich am Abend der Himmel malvenblau färbt, flattern Fledermäuse über das Gelände; tagsüber ziehen sie sich in die spitz zulaufenden Türmchen der umliegenden Gebäude zurück. Kleine Erlebnisse, die sich im Herzen ganz groß anfühlen - ja, darin ist Werben richtig gut.



hiersein-Themen

haus

  • Weil auch die Architektur in großem Ausmaß zur Klimakrise beiträgt, engagiert sich ein Kollektiv aus Architekt:innen, initiiert von Aimée Michelfelder und Jurek Brüggen, für eine ökologische und soziale Architektur
  • Die Komturei Werben ist ein ökologisches Modellprojekt, bei dem sich die Architektengruppe nicht nur für den Erhalt und die Wiederbelebung des denkmalgeschützten Ensembles aus dem 19. Jahrhundert einsetzt, ihr ganzheitlicher Ansatz fördert und schützt auch Flora und Fauna vor Ort
  • Unterstützung erfährt das Projekt durch eine Stiftung, eine Genossenschaft, private Eigentümer, Fördermittel von Bund, Land und Gemeinde und einen Verein, der alles zusammenhält
  • Die ökologische Sanierung des »Verwalterinnenhauses« verlief mit der Haltung, alles an vorhandenen Materialien wiederzuverwenden und nur wo nötig zu ergänzen
  • Zum Einsatz kamen ökologische Baustoffe und kreislauffähige Produkte wie Kalkputz auf Hanfkalkdämmsteinen, Lehmputz auf Holzfaserdämmung, Schilfrohrmatten, geöltes & lasiertes Holz
  • Der energieintensive Zement im Kalkestrich wurde durch Muschelkalk ersetzt
  • Die Gestaltung der Wege und Plätze auf dem Gelände erfolgte mit Split aus Recycling-Beton
  • Die Einrichtung der Ferienwohnungen ist schlicht mit ziervollen Holz-Möbelstücken vom Antikmarkt; Betten und Tische, sowie Regale und Beistelltische wurden extra für das Verwalterinnenhaus entworfen und von lokalen Handwerker:innen angefertigt

natur

  • Die integrierten Nist- und Lebensräume für Vögel, Fledermäuse und Wildbienen konzipierte das Team zusammen mit einem ortsansässigen Ornithologen
  • Ein baubotanischer Balkon wächst mit: Bäume übernehmen langfristig tragende Funktionen
  • Regenwasser wird in einer 10.000-Liter-Zisterne gesammelt, für Toilettenspülungen genutzt und zur Bewässerung von Wildblumenwiesen und Hof eingesetzt
  • Die standortgerechte Garten- und Terrassenbepflanzung, geplant von einem lokalen Gärtner, fördert die Biodiversität, Bienen und Schmetterlinge sind von Beginn an Teil des Hoflebens
  • Ein ganzheitliches Energiekonzept mit kaskadenfähiger Wärmepumpe ermöglicht flächiges Heizen im Winter und sanftes Kühlen im Sommer
  • Naturkosmetik in wiederbefüllbaren Glasbehältern, konsequente Mülltrennung und ausschließlich biologisch abbaubare Reinigungs- und Waschmittel

mensch

  • Werben ist ein kleiner, aber ein gelebter Ort; viele Angebote entstehen in Eigeninitiative oder werden liebevoll und gemeinschaftlich von Vereinen und/oder Nachbar:innen organisiert
  • Die Betreiber:innen der Komturei arbeiten bewusst lokal und im Kreislauf: biologische Produkte, regionale Lebensmittel – und Menschen aus der Umgebung, mit denen sie eng zusammenarbeiten
  • Das Team besteht aus ortsansässigen Personen; die kurzen Wege ermöglichen ihnen flexible Arbeitszeiten, die mit einem Familienleben kompatibel sind
  • Die Sauna kann auch von den Bewohner:innen oder anderen Gästen aus dem Ort gebucht werden
  • Die gesamte Gästewäsche wird von einer Lebenshilfe-Institution, in der Menschen mit Behinderung einer betreuten Arbeit nachgehen, abgeholt, gereinigt, gefaltet und wieder gebracht


und sonst so?

  • Die beiden Wohnungen im Gartengeschoss des »Verwalterinnenhauses« sind barrierefrei, geeignet für bis zwei Gäste und verfügen jeweils über eine private Terrasse und Zugang zum Hof
    Zwei weitere Ferienwohnungen mit Balkon befinden sich im Hochparterre und bieten Platz für zwei bis vier Gäste
  • Reichlich Raum finden Familien oder kleine Gruppen im Dachgeschoss mit drei Schlafzimmern, einem Arbeitszimmer mit ausklappbarem Daybed - und luftigem Gemeinschaftsbereich mit gemütlichen Dachgebälk
  • Die vom Licht verwöhnte Maisonette-Wohnung im Turm eignet sich für vier Gäste mit Guten-Morgen-Ostbalkon und herrlichen Ausblicken auf den Hof, die Kirche und den Himmel
  • Die Quartiere »Garten Ost«, »Hochparterre West« und »Dachgeschoss« verfügen über einen Kaminofen für kuschlige Abende am Feuer
  • Der Ruheraum der Sauna im Gewölbekeller kann auch für Yoga genutzt werden; es gibt Yogamatten vor Ort
  • Das Mitbringen von Haustieren ist gegen einen Aufpreis von 10,- Euro pro Nacht erlaubt
  • Die einmalige Endreinigungspauschale beträgt 70,- bis 120,- Euro
  • Gäste können sich schon vorab eine Biokiste mit frischem und lokalem Obst & Gemüse bestellen; die Lieferung erfolgt immer freitags
  • Ein kleiner Hausladen bietet außerdem eine kleine Auswahl an Lebensmitteln und Getränken
  • Für Ausflüge in die Umgebung können sich Gäste Fahrräder ausleihen (10,- Euro/Tag)
  • Tipp: Einfach los und den Elbdeich entlangradeln, über die Elbbrücke bis nach Wittenberge oder mit der Fähre nach Havelberg übersetzen
  • Wer sich auf dem Wasser zu bewegen möchte, erhält beim ortsässigen Verleih Wassersportgeräte und begegnet auf einem Kanu-Trip vielleicht einem von 1.200 Elbbibern (!)
  • Im ursprünglichen Flussbett der Elbe gibt es immer wieder wunderschöne Sandstrände für ein kleines Bad, um die unzähligen Vögel zu beobachten oder für ein Picknick bei Sonnenuntergang
  • Zweimal im Jahr findet in Werben ein Biedermeier Markt statt; besonders stimmungsvoll sind der Biedermeier-Christmarkt und das feierliche Adventskonzert in der Johanniskirche
  • Und im Café Lämpel bekommt ihr am Wochenende immer ein köstliches Stück frisch gebackenen Kuchen


Fotos:

© Anne Schwalbe