Mainbernheim - Deutschlands erstes Albergho Diffuso

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Puh! Gottseidank sind die Zeiten vorbei, in denen man als ein verspäteter Gast vor den Toren der Stadt nächtigen musste. Doch auch wer pünktlich war, wurde am Toreingang erst einmal eingehend kontrolliert. Ich sag mal so: unter gelebter Gastfreundschaft stelle ich mir etwas anderes vor. Doch eine Fallbrücke und schwere Holztore gibt es schon lange nicht mehr. Auch zeigt sich das mittelalterliche Mainbernheim in Unterfranken seinen Besuchern gegenüber heute weit aufgeschlossener. Verbreitet sogar die waghalsige These: Urlaub hier sei wie ein Aufenthalt bei Freunden - das Resultat einer touristischen Idee mit nachhaltigen Unterkünften, die zunächst wenig fränkisch anmutet.

Mainbernheim - Deutschlands erstes Albergho Diffuso

Einsame Bergdörfer und dünn besiedelte Regionen

Seit Juli 2020 befindet sich hier nämlich Deutschlands erstes Albergo Diffuso. Der Name lässt es vermuten - ein Konzept, das aus Italien stammt. Ob italienische Bergdörfer oder dünn besiedelte Regionen, immer mehr Einheimische zieht es fort, hin in die großen Städte. Der traditionelle Dorfzusammenhalt und die malerische Schönheit der Natur: keine triftigen Gründe mehr zu bleiben. Zu schwer und mühselig das Leben in der alten Heimat. Die Folge: leerstehende Häuser, die zusehends verfallen und Dörfer, die langsam aussterben. Und immer öfter wird der italienische Tourismusberater Giancarlo Dall'Arma gefragt: Wie um Himmelswillen können wir unsere schönen Orte retten?

Authentischer Urlaub abseits der touristischen Trampelpfade

Er überlegt, wie man Menschen dazu bewegen kann, zu bleiben. Nicht den Verlockungen der großen Metropolen zu erliegen. Ja sogar Geld in die Hand zu nehmen, um ihre maroden Häuser wieder herzurichten, die eigentlich unter Denkmalschutz stehen müssten. Warum nicht ein Zimmer oder eine Wohnung an Gäste vermieten und so die getätigten Investitionen über Mieteinnahmen wieder reinholen? Gibt es nicht genug Menschen, die dem Stress der Großstadt entfliehen wollen? Die sich nach dem einfachen und authentischen Leben sehnen? Doch ein aufwendig saniertes Gebäude allein reicht noch nicht aus, um Besucher in die entlegenen Ecken Italiens abseits der massentauglichen Ziele zu locken. Dall'Arma überzeugt die Bewohner, ihre Gäste als Teil der Gemeinschaft zu betrachten und sogar ins Dorfleben zu integrieren. Es ist die Geburtsstunde der ersten Alberghi Diffusi im Italien der 80er Jahre.

Ein Dorf wird zum Hotel

Ein oft leer stehender Laden im Zentrum des Ortes ist die Rezeption, an der Besucher in Empfang genommen werden. Die Zimmer des Albergo Diffuso verteilen sich über die komplette Altstadt. In Begleitung des Vermieters oder einer mit dem Gepäck behilflichen Hand geht es über die kopfsteingepflasterten Gassen bis zur Unterkunft. Dort an der Tür wird man mit einem freundlichen 'bis heute Abend in der Trattoria' verabschiedet, wo Gäste und Dorfbewohner spätestens nach dem zweiten Glas Wein enger zusammenrücken. Und wo man sich vielleicht mit dem ortsansässigen Senner verabredet, um ihm am nächsten Tag beim Käsemachen über die Schulter zu schauen. Und so wird ein ganzes Dorf zum Hotel. Bis heute sind es an die 100 italienischen Orte und historischen Ensembles, die sich dem Konzept mit Erfolg angeschlossen haben.

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Landflucht? Nicht nur ein italienisches Problem

Massiver Leerstand, teils verfallene Häuser und niedrige Übernachtungszahlen bereiten auch Peter Kraus, Bürgermeister von Mainbernheim große Sorge. Der Ort zählt mit seinen 2200 Einwohnern zu den 100 kleinsten Städten Deutschlands. Die hübsche Altstadt steht als Ensemble unter Denkmalschutz. Doch die meisten rauschen mit hohem Tempo am Markgrafenstädtchen vorbei. Für Pendler liegt der Ort verkehrsgünstig an einer Bundesstraße zwischen Nürnberg und Würzburg. Vom Tourismus wie in den benachbarten Weindörfern kommt nur wenig an. Die Neugierde, die beim raschen Blick auf die Stadtmauer mit ihren Türmchen kurz aufflackern mag, am nächsten Ortsschild längst vergessen. Bei seinen Überlegungen, wie der Leerstand behoben werden könnte, tut sich Peter Kraus 2015 mit Stadtplanern zusammen. Gemeinsam stoßen sie auf das Konzept des italienischen Tourismusprofessors. Der Bürgermeister weiß um das Pfund seiner Stadt und findet bald engagierte Einwohner, die ihn bei der Belebung der Stadt unterstützen.

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Ein Konzept kommt über die Alpen

Ein Zuschlag beim Wettbewerb des Bundesinstituts für Bau, Stadt- und Raumforschung bringt die Sache schließlich ins Rollen und ist Initiator für die Umsetzung des ersten Albergo Diffuso in Deutschland. Obwohl der Leerstand fünf Jahre später weitestgehend behoben ist, bleiben viele der Objekte zunächst in privater Hand ohne konkrete Vermietungsabsicht. Doch fünf Pioniere packen es an und gehen im Juli 2020 - hochmotiviert und überzeugt von der Idee - mit dem Beherbergungsprojekt an den Start. Behutsam und denkmalgerecht haben sie in der Altstadt marode Bauernhäuser oder historische Winzeranwesen saniert und gemeinsam ein für Mainbernheim angepasstes Konzept auf die Beine gestellt.

Nachhaltige Unterkünfte - von der Radlerherberge zum Wohnen im Denkmal

Die Rezeption von Mainbernheim ist zweigeteilt. Je nach Wochentag checkt der Gast entweder im Bärencafé oder im Gasthaus "Zum Bären" ein, beide unschwer zu finden im Zentrum der Altstadt. Zur Begrüßung - und zur Entschleunigung! - gibt es erst einmal ein Glas Bernermer Secco vom stadteigenen Weinberg. Wie nach dem italienischen Vorbild sind auch in Mainbernheim die Unterkünfte über den gesamten Ort verteilt, doch die Wege glücklicherweise nicht weit. Ganz unterschiedlich sind sie die Unterkünfte. Übernachten kann man in einer funktional-modernen Radlerherberge im Torhaus, einem Winzeranwesen, dem ehemaligen Markgräflichen Katasteramt, dem ältesten Gasthaus der Stadt bis hin zum Bauernhaus mit umgebauten Ziegenstall. Doch egal wofür sich der Besucher entscheidet, abgeholt wird er persönlich vom Gastgeber - übrigens alles waschechte Mainbernheimer. Erste Tipps zum Einkaufen oder Abendessen? Gibt es auf dem Weg durch die verwinkelten Gässchen bis zur Unterkunft.

Mainbernheim - Deutschlands erstes Albergho Diffuso

Albergo-Gastgeber nachhaltiger Unterkünfte

Ich habe mir das <Fränkische Cottage> von Janine und Elmar Scheller ausgesucht. Um Haaresbreite wären das alte Bauernhaus und der angrenzende Ziegenstall abgerissen worden. Fast ein wenig beschämt erzählt Elmar, dass er ursprünglich die Idee hatte, hier Parkplätze zu bauen. Doch schließlich haben sie es nicht übers Herz gebracht, mit der Sanierung des kleinen Schätzchens begonnen und sich dem Albergo-Diffuso-Projekt angeschlossen. Heute ist Elmar Vorsitzender des Vereins "Albergo Diffuso Mainbernheim e.V." und macht sich stark für den Erhalt der historischen Bausubstanz und ihrer Nutzung. Wir sitzen gemütlich vor dem Cottage mit der knallroten Tür im Vorgarten des ehemaligen Bauernhauses. Ein Nachbar kommt mit seinem knatternden Motorrad nach Hause, grüßt freundlich rüber und fährt polternd weiter auf seinen Hof - Feierabend! Während Janine, Elmar und ich uns unterhalten, geht das noch ein-, zweimal so mit vorbei schlendernden Nachbarn. Was soll ich sagen? Ich fühl mich fast schon angekommen im Dorfleben - pardon! - natürlich im Kleinststadtleben.

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Von Grabengärten und Sundowner an der Stadtmauer

Stolz erzählt Elmar wie im Ort allmählich immer mehr Leben einzieht. Nach über 30 Jahren hat 2018 ein kleine moderne Brauerei, die Brauschmiede eröffnet, die die Tradition des Bierbrauens wieder aufnimmt. Auch einen Winzer gibt es erst seit diesem Jahr wieder in der Stadt, die einst vom Weinbau gelebt hat. Doch wie in so vielen anderen Weinlagen hat auch in Mainbernheim Mitte des 20. Jahrhunderts die Reblaus gewütet und der Weinbau kam zum Erliegen. Elmar will mir noch eine Besonderheit zeigen. Das Fränkische Cottage steht unweit der fast komplett intakten Stadtmauer mit seinen 18 (!) Türmen und wir schlupfen durch einen Einlass in der Mauer rüber zu den Grabengärten. Es ist September und die Mainbernheimer sind kräftig am Ernten, denn der Großteil der Gärten sind typische Selbstversorgergärten und ich sehe Kartoffelfelder, frisch geerntete Zwiebeln, aber auch Sonnenblumen und sogar Weinreben. Seine letzten Gäste, erzählt mir Elmar, haben sich schon am ersten Abend - bepackt mit einer Flasche Wein und Brotzeit - auf eine der Bänke direkt an die Stadtmauer gesetzt, die letzten Sonnenstrahlen genossen und mit den Einwohnern geplauscht. Puh! Gottseidank bleiben die Tore mittlerweile offen, denn es war wohl weit nach Sonnenuntergang als das letzte Glas geleert war.

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OFFENLEGUNG: Alle Erwähnungen stammen aus persönlich von mir zusammengestellten Quellen. Es handelt sich NICHT um bezahlte Kooperationen. Der oben stehende Text enthält KEINE Affiliate Links.

Fotos: Albergo Diffuso Mainbernheim e.V. / Fränkisches Cottage / hiersein